Mein Weg als Stimmenhörer
An
einem Abend, als es eskalierte, sprach ich ein Gebet in der Zelle und ich
hörte zum ersten Male die weibliche Stimme. Noch außerhalb meines Hauptes.
Andere Gegebenheiten an diesem Abend versetzten mir einen schweren
Schock. Die Stimme verschwand wieder und ich wurde in ein anderes Gefängnis
verlegt.
Die
Umstände besserten sich aber nicht, es wurde deutlich schlimmer und manche Tage
bangte ich um mein Leben. Als ich von einem Trakt in einem anderen verlegt
wurde, am Abend ein paar Monate nach dem ersten Stimmenhören, war sie wieder
da, jedoch nicht nur sie sondern auch zwei männliche.
Das
war im Oktober 1990. Ich lag auf dem Bett, gesundheitlich ging es mir sehr
schlecht und die weibliche Stimme sprach mit mir. Plötzlich war sie in meinem
Kopf. „Eigentlich kann er ja nichts dafür," sagte sie. Darauf sprach eine
männliche den Satz: „Ja, eigentlich nicht."
Ich
erschrak sehr und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Stimmen, darauf sprach
die weibliche Stimme „Du hast das Tor geöffnet." Dann erschien noch eine
dritte Stimme, auch eine männliche.
Die
nächsten Tage waren sehr schwer, mehrere Beamte machten an einem Vormittag Scheinexekutionen
mit mir, ich wurde schwer traumatisiert, lebte monatelang in einer Art
Nebel und pausenlos sprachen die drei Stimmen mit mir.
Trotz
meines schlimmen gesundheitlichen Zustands begriff ich: Mein ganzes Leben ist
nicht mehr wie früher. Ich überlegte, ob mich die Stimmen auffordern würden, etwas
Negatives zu tun und beschloss, ihnen Namen zu geben, um sie zu
personifizieren. Ich nannte sie Peter, Paul und Mary, zwei männliche und eine
weibliche. Wie die Musikband der sechziger Jahre. Durch eine Veto Drohung an
das Land durch Amnesty International wurde ich dann nach Deutschland
ausgeliefert und nach der Restverbüßung weniger Monate wurde ich in
Freiheit entlassen.
Was
ich jedoch machte, ich konnte die Stimmen nicht akzeptieren und begann, sie in
Gedanken in Kommunikationen verbal zu terrorisieren, in der Hoffnung, sie
würden verschwinden. Ich war grausam zu ihnen und eine männliche, die Stimme
Paul verschwand. Bis heute, fast 35 Jahre erschien sie nicht wieder.
Auch
die Stimmen Peter und Mary wurden sehr unfreundlich und kündeten mir Leid an, manchmal
waren sie aber auch positiv eingestellt.
Ich
wollte nicht wieder in das Gefängnis und ein ganz neues Leben beginnen, ich
absolvierte mit Erfolg bei einem liebevollen Lehrmeister meine Maurerlehre. Psychisch
wurde ich aufgrund der Stimmen sehr gefordert, Tag und Nacht hörte ich sie, kommunizierten
wir miteinander und beleidigten uns gegenseitig.
Sie
nahmen mir den Schlaf. Manchmal dachte ich auch daran, dass man mir ein
Mikrofon in den Kopf gebaut hat, als ich einige Zeit im Ausland bewusstlos in
der Zelle lag. Kein Mensch aber merkte es mir an, dass ich Stimmenhörer war,
manchen, meinen Freunden zum Beispiel oder meiner Familie outete ich mich, jedoch,
aufgrund meiner Offenheit und meiner Lebensführung habe ich erfahren dürfen, dass
mich keiner gemieden oder stigmatisiert hatte.
Ende
der neunziger Jahre hatte ich sehr viel Stress in verschiedenen Bereichen und
ich kam mit dem in der Haft Erlebten nicht mehr zurecht. Ich habe mehrere
Versuche gemacht, das Thema und das Erlebte aufzuarbeiten, habe von der
Psychiatrie jedoch keinerlei Bereitschaft einer Hilfestellung bekommen. Ich
erkrankte mit schweren Depressionen und bekam eine Psychose.
Bis
dahin lebte ich ein ganz normales Leben als Maurer. Auch fuhr ich die Jahre
über Umsiedlungseinsätze für problematische Wespen- und Hornissennester. In den
Nächten komponierte ich Lieder und spielte in der Freizeit Gitarre oder schrieb
Bücher und Gedichte.
Auch
schrieb ich Naturschutzberichte für viele Zeitungshäuser über Wespen oder
siedelte mit der Presse um. Ich wurde langsam bekannt, erhielt einen guten Ruf
und tat alles daran, ihn zu wahren.
Ich
hatte mich mit Peter und Mary abgefunden, sie begleiteten mein Leben und wir
führten auch nette kurze Dialoge. Sie sind Bestandteil meines Lebens geworden. Aufgrund
einiger schwerer Schicksalsschläge, der nicht verarbeiteten Folter im Ausland
und Problemen im privaten Umfeld fing ich jedoch wieder an, Drogen zu
konsumieren. Weiche Drogen, aber sehr intensiv.
Das
gefiel meinen Stimmen nicht und sie begannen, mich zu bedrohen. Das löste
zusätzlichen Stress aus und tagelang spach Mary: „Du hast noch 5 Sekunden zu
leben, du hast noch 2 Sekunden zu leben“ usw. Ich bekam einen psychischen
Zusammenbruch und richtete im Kurzschluss hohe Sachschäden an. Ich war aber
auch wieder sehr gemein zu meinen Stimmen in der gedanklichen Kommunikation.
Nach
einigen Suizidversuchen und der Nacht, in der ich zusammenbrach und entgleiste,
kam ich in die Psychiatrie. Wieder wurde meine Haftvergangenheit nicht
aufgearbeitet, aber ich fand schnell wieder in das Leben zurück.
Mit
Mary, meiner weiblichen Stimme, lebte ich in einer Selbstverständlichkeit, jedoch
Peter war nur noch gelegentlich da. Nach der Psychiatrie zog ich in eine
Einrichtung nach Schleswig und war medikamentös gegen Psychose eingestellt.
Meine
Stimmen waren nur sehr wenig da, die folgenden Jahre, aber ich muss auch
erwähnen, dass die Kommunikation nicht mehr so verbal entgleist war.
Ich
zog wieder nach Kellinghusen, nach der Zeit der Einrichtung und gründete zu
meiner kleinen Rente ein kleines Baugeschäft. Ich spezialisierte mich auf
Altbausanierung, Fliesen und Flick, bevorzugte kleine und überschaubare
Projekte. Und ich machte wieder meine Naturschutzarbeit mit den Stechinsekten, schrieb
wieder Bücher und spielte Gitarre, ging fischen und lebte viele Jahre ein
schönes Leben.
Nachts
schrieb ich Gebete an den HERRN und ich baute mir ein sehr großes Umfeld auf. Keiner
verurteilte mich meiner Vergangenheit oder Erkrankung willen.
Viele
Zeitungsberichte über meine Naturschutzarbeit erschienen, unter anderem mehrere
in der BILD und sonstige. Darauf wurden Fernsehsender aufmerksam und im Laufe
der Jahre drehte ich acht Fernsehsendungen zum Thema Naturschutz und Wespen sowie
Hornissen. Und ich entwickelte Liebe für meine Stimmen, wenn es auch manche
Zeiten des verbalen Austausches gab.
Mary
begann, mir Zusammenhänge aus meinem Leben zu erklären, Peter meldete sich
nur manchmal. Ich lebte als Stimmenhörer ein ganz normales Leben und ging
meinen Aufträgen nach und lebte eine schöne Freizeit. Das sollte sich ändern, als
das Gesundheitsamt sich in meinem Leben begab und ich Schlimmes erdulden
musste. Durch eine Verkettung von Gegebenheiten, die nicht hätten sein müssen. Ich
fuhr frontal gegen einen Baum und verlor den Führerschein. Dieses war die Folge
einer schlimmen Verkettung von Dingen, die man mir antat.
Ohne
Führerschein konnte ich mein Gewerbe nicht mehr ausführen und ich versank
aufgrund der ganzen Problematik in Drogen-Rückfällen. Ausführlichere Erklärungen
würden an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Das
Gesundheitsamt ließ mich nicht in Ruhe, ich beschloss aus dem Wirkungskreis zu
ziehen und zog nach Schleswig. Nur, es gab das Problem, dass man mir den
wiedererlangten Führerschein auf Begründung meiner Erkrankung wieder entzog, obwohl
kein Verstoß gegen Verkehrsregeln vorlag.
Ich
gab mich auf und konsumierte zum ersten Male Kokain, eine schreckliche Droge,
die die Psyche und die Gesundheit sehr angegriffen hat. Ich versank in meine
Stimmenwelt und die Stimmen wurden sehr brutal. Sie bedrohten mich im
schlimmsten Ausmaß, Tag und Nacht, wochenlang und drohten mir das Allerschlimmste
an.
Ich
ergab mich meinem Schicksal und Vorstellungen können fast nicht ausreichen, was
die Stimmen mir androhten. Ich bekam schwere Wahnvorstellungen und durch den
Schlafentzug, den Stress, den Drogen und das Weglassen meiner Medikamente
wurden die Stimmen unerträglich.
In
einer Nacht bekam ich dann einen totalen Kurzschluss und wollte mich
verbrennen. Ich zündete meine Wohnung an und wartete in den Flammen auf den
Tod, meine Nachbarin hörte die Rauchmelder und rettete mich aus der Wohnung. Gott
sei Dank entstand nur Sachschaden, ich kam nach der Intensivstation in eine
psychiatrische Klinik und bekam den Beschluss einer dauerhaften
Unterbringung. Was an dieser Stelle zu erwähnen ist, ist, das ich in den
Wochen vor dem Suizidversuch Stimmen gehört habe, die ich vorher nie gehört
habe.
Diese
waren nicht meine Engel, die ich so gut kannte, es waren abgrundtief böse, die
mich auf das Schrecklichste pausenlos bedrohten. Ich blieb in der Klinik sechs
Jahre, bis vor einem Monat. Ich lernte die Bedeutung der Medikamente und ich
arbeitete sehr verbissen an meinem Drogenproblem, dass mich früher oft in die
Hölle trieb.
Und
ich machte noch etwas. Ich stellte den verbalen Krieg gegen Peter und Mary
völlig ein und lernte sie zu lieben. Als einen Teil, der zu meinem Leben
gehört. In meinen Gebetbüchern habe ich ihnen viele Einträge gewidmet und je
tiefer ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie
eigentlich eine Schutzfunktion für mich bedeuten.
Seitdem
ich Mary liebe und lobe, sie ehre und pfleglich behandele, ist sie sehr
liebevoll geworden. Sie sagt manchmal, ich bin ein süßer Junge oder ich soll
ein süßer Jesus sein. Wovon ich mich aber distanziere. Auch lobt sie mich und
ummantelt mich mit Liebe. Dieses seit nun einigen Jahren.
Ich
bin ein sehr ruhiger und gelassener Mensch geworden, die Liebe hat am Ende
gesiegt. Ich habe Gudrun Anders kennengelernt, eine sehr erfahrene und
liebevolle Autorin und mein Buch-Coach, die es mir mit ihrem unermüdlichen
Fleiß ermöglicht hat, meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Durch sie sind meine
ersten beiden Bücher in den Handel gekommen und weitere werden folgen.
Ich
habe 20 Bücher geschrieben, in den Epochen meines Lebens und werde mich jetzt
um diese wundervollen Manuskripte kümmern, sie zu veröffentlichen. Ein Buch
möchte ich noch schreiben, es wird meine Biografie sein. Ich schreibe seit den
letzten Jahren nur noch Dankgebete und es gibt selber in schweren Stunden immer
etwas zu danken. Auch das hat mich sehend gemacht, wie kostbar das Leben ist und
ich habe nicht nur die Nächstenliebe kennengelernt, die ich seit 35 Jahren
auslebe, ich habe in den letzten 6 Jahren die Selbstliebe kennengelernt.
Ein
wundervolles Verhältnis ist zu meiner Mary entstanden von der ich nicht
annehmen kann, dass sie eine Erkrankung sein soll und ich werde sie pflegen, lieben
und loben für ihre heutige süße und liebevolle Art und über ihre Hilfestellung,
viele Dinge zu verarbeiten.
Und
noch eines habe ich gelernt. Drogen sind das Tor zur Hölle, die Einnahme von
Drogen sind der Eintritt in die Hölle. Keine Probleme werden mich mehr so weit
treiben, Suchtstoffe oder Rauschmittel anzufassen, mit Ausnahme meines kleinen
Schlingels, der Zigarette.
Ich
möchte an dieser Stelle alle Stimmenhörer ermutigen, an ein schönes Leben zu
denken und nicht aufzugeben. Liebt Eure Stimmen, sofern es möglich ist und seht
sie als einen Teil von Euch selbst an.
Und
liebt Euch, in Euch allen stecken kostbare Wesen, die ein Recht haben sich zu
lieben. Und aus der eigenen Erfahrung kann ich versichern, dass die
Gesellschaft nicht aus lauter Stigmata besteht. Gottes Liebe über Euch alle,
wie seinen Segen und seine Gnade.
In
Liebe
Euer
Michael Neumann, "der Wespenmann"
P.S.:

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