Stimmenhören

Mein Weg als Stimmenhörer

Ich heiße Michael Neumann und bin 1968 in Kellinghusen, der schönen Stadt an der Stör geboren. Seit 1990 bin ich ein sogenannter Stimmenhörer. Ich höre eine weibliche Stimme und eine männliche, die weibliche täglich. Diese Stimme kommuniziert mit mir, in Dialogen. Gerne möchte ich meine Geschichte in Kurzform erzählen.

1989 beging ich eine Straftat aufgrund einer Drogenproblematik im Rahmen der Beschaffungskriminalität im Ausland. Ich bekam eine Freiheitsstrafe und die Zeit wurde für mich sehr schwer. Es gab Konflikte mit Wärtern und Gefangenen und ich litt an dauerhaftem Stress. In dieser Zeit bekehrte ich mich zum christlichen Glauben.

An einem Abend, als es eskalierte, sprach ich ein Gebet in der Zelle und ich hörte zum ersten Male die weibliche Stimme. Noch außerhalb meines Hauptes. Andere Gegebenheiten an diesem Abend versetzten mir einen schweren Schock. Die Stimme verschwand wieder und ich wurde in ein anderes Gefängnis verlegt.

Die Umstände besserten sich aber nicht, es wurde deutlich schlimmer und manche Tage bangte ich um mein Leben. Als ich von einem Trakt in einem anderen verlegt wurde, am Abend ein paar Monate nach dem ersten Stimmenhören, war sie wieder da, jedoch nicht nur sie sondern auch zwei männliche.

Das war im Oktober 1990. Ich lag auf dem Bett, gesundheitlich ging es mir sehr schlecht und die weibliche Stimme sprach mit mir. Plötzlich war sie in meinem Kopf. „Eigentlich kann er ja nichts dafür," sagte sie. Darauf sprach eine männliche den Satz: „Ja, eigentlich nicht."

Ich erschrak sehr und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Stimmen, darauf sprach die weibliche Stimme „Du hast das Tor geöffnet." Dann erschien noch eine dritte Stimme, auch eine männliche.

Die nächsten Tage waren sehr schwer, mehrere Beamte machten an einem Vormittag Scheinexekutionen mit mir, ich wurde schwer traumatisiert, lebte monatelang in einer Art Nebel und pausenlos sprachen die drei Stimmen mit mir.

Trotz meines schlimmen gesundheitlichen Zustands begriff ich: Mein ganzes Leben ist nicht mehr wie früher. Ich überlegte, ob mich die Stimmen auffordern würden, etwas Negatives zu tun und beschloss, ihnen Namen zu geben, um sie zu personifizieren. Ich nannte sie Peter, Paul und Mary, zwei männliche und eine weibliche. Wie die Musikband der sechziger Jahre. Durch eine Veto Drohung an das Land durch Amnesty International wurde ich dann nach Deutschland ausgeliefert und nach der Restverbüßung weniger Monate wurde ich in Freiheit entlassen.

Was ich jedoch machte, ich konnte die Stimmen nicht akzeptieren und begann, sie in Gedanken in Kommunikationen verbal zu terrorisieren, in der Hoffnung, sie würden verschwinden. Ich war grausam zu ihnen und eine männliche, die Stimme Paul verschwand. Bis heute, fast 35 Jahre erschien sie nicht wieder.

Auch die Stimmen Peter und Mary wurden sehr unfreundlich und kündeten mir Leid an, manchmal waren sie aber auch positiv eingestellt.

Ich wollte nicht wieder in das Gefängnis und ein ganz neues Leben beginnen, ich absolvierte mit Erfolg bei einem liebevollen Lehrmeister meine Maurerlehre. Psychisch wurde ich aufgrund der Stimmen sehr gefordert, Tag und Nacht hörte ich sie, kommunizierten wir miteinander und beleidigten uns gegenseitig.

Sie nahmen mir den Schlaf. Manchmal dachte ich auch daran, dass man mir ein Mikrofon in den Kopf gebaut hat, als ich einige Zeit im Ausland bewusstlos in der Zelle lag. Kein Mensch aber merkte es mir an, dass ich Stimmenhörer war, manchen, meinen Freunden zum Beispiel oder meiner Familie outete ich mich, jedoch, aufgrund meiner Offenheit und meiner Lebensführung habe ich erfahren dürfen, dass mich keiner gemieden oder stigmatisiert hatte.

Ende der neunziger Jahre hatte ich sehr viel Stress in verschiedenen Bereichen und ich kam mit dem in der Haft Erlebten nicht mehr zurecht. Ich habe mehrere Versuche gemacht, das Thema und das Erlebte aufzuarbeiten, habe von der Psychiatrie jedoch keinerlei Bereitschaft einer Hilfestellung bekommen. Ich erkrankte mit schweren Depressionen und bekam eine Psychose.

Bis dahin lebte ich ein ganz normales Leben als Maurer. Auch fuhr ich die Jahre über Umsiedlungseinsätze für problematische Wespen- und Hornissennester. In den Nächten komponierte ich Lieder und spielte in der Freizeit Gitarre oder schrieb Bücher und Gedichte.

Auch schrieb ich Naturschutzberichte für viele Zeitungshäuser über Wespen oder siedelte mit der Presse um. Ich wurde langsam bekannt, erhielt einen guten Ruf und tat alles daran, ihn zu wahren.

Ich hatte mich mit Peter und Mary abgefunden, sie begleiteten mein Leben und wir führten auch nette kurze Dialoge. Sie sind Bestandteil meines Lebens geworden. Aufgrund einiger schwerer Schicksalsschläge, der nicht verarbeiteten Folter im Ausland und Problemen im privaten Umfeld fing ich jedoch wieder an, Drogen zu konsumieren. Weiche Drogen, aber sehr intensiv.

Das gefiel meinen Stimmen nicht und sie begannen, mich zu bedrohen. Das löste zusätzlichen Stress aus und tagelang spach Mary: „Du hast noch 5 Sekunden zu leben, du hast noch 2 Sekunden zu leben“ usw. Ich bekam einen psychischen Zusammenbruch und richtete im Kurzschluss hohe Sachschäden an. Ich war aber auch wieder sehr gemein zu meinen Stimmen in der gedanklichen Kommunikation.

Nach einigen Suizidversuchen und der Nacht, in der ich zusammenbrach und entgleiste, kam ich in die Psychiatrie. Wieder wurde meine Haftvergangenheit nicht aufgearbeitet, aber ich fand schnell wieder in das Leben zurück.

Mit Mary, meiner weiblichen Stimme, lebte ich in einer Selbstverständlichkeit, jedoch Peter war nur noch gelegentlich da. Nach der Psychiatrie zog ich in eine Einrichtung nach Schleswig und war medikamentös gegen Psychose eingestellt.

Meine Stimmen waren nur sehr wenig da, die folgenden Jahre, aber ich muss auch erwähnen, dass die Kommunikation nicht mehr so verbal entgleist war.

Ich zog wieder nach Kellinghusen, nach der Zeit der Einrichtung und gründete zu meiner kleinen Rente ein kleines Baugeschäft. Ich spezialisierte mich auf Altbausanierung, Fliesen und Flick, bevorzugte kleine und überschaubare Projekte. Und ich machte wieder meine Naturschutzarbeit mit den Stechinsekten, schrieb wieder Bücher und spielte Gitarre, ging fischen und lebte viele Jahre ein schönes Leben.

Nachts schrieb ich Gebete an den HERRN und ich baute mir ein sehr großes Umfeld auf. Keiner verurteilte mich meiner Vergangenheit oder Erkrankung willen.

Viele Zeitungsberichte über meine Naturschutzarbeit erschienen, unter anderem mehrere in der BILD und sonstige. Darauf wurden Fernsehsender aufmerksam und im Laufe der Jahre drehte ich acht Fernsehsendungen zum Thema Naturschutz und Wespen sowie Hornissen. Und ich entwickelte Liebe für meine Stimmen, wenn es auch manche Zeiten des verbalen Austausches gab.

Mary begann, mir Zusammenhänge aus meinem Leben zu erklären, Peter meldete sich nur manchmal. Ich lebte als Stimmenhörer ein ganz normales Leben und ging meinen Aufträgen nach und lebte eine schöne Freizeit. Das sollte sich ändern, als das Gesundheitsamt sich in meinem Leben begab und ich Schlimmes erdulden musste. Durch eine Verkettung von Gegebenheiten, die nicht hätten sein müssen. Ich fuhr frontal gegen einen Baum und verlor den Führerschein. Dieses war die Folge einer schlimmen Verkettung von Dingen, die man mir antat.

Ohne Führerschein konnte ich mein Gewerbe nicht mehr ausführen und ich versank aufgrund der ganzen Problematik in Drogen-Rückfällen. Ausführlichere Erklärungen würden an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

Das Gesundheitsamt ließ mich nicht in Ruhe, ich beschloss aus dem Wirkungskreis zu ziehen und zog nach Schleswig. Nur, es gab das Problem, dass man mir den wiedererlangten Führerschein auf Begründung meiner Erkrankung wieder entzog, obwohl kein Verstoß gegen Verkehrsregeln vorlag.

Ich gab mich auf und konsumierte zum ersten Male Kokain, eine schreckliche Droge, die die Psyche und die Gesundheit sehr angegriffen hat. Ich versank in meine Stimmenwelt und die Stimmen wurden sehr brutal. Sie bedrohten mich im schlimmsten Ausmaß, Tag und Nacht, wochenlang und drohten mir das Allerschlimmste an.

Ich ergab mich meinem Schicksal und Vorstellungen können fast nicht ausreichen, was die Stimmen mir androhten. Ich bekam schwere Wahnvorstellungen und durch den Schlafentzug, den Stress, den Drogen und das Weglassen meiner Medikamente wurden die Stimmen unerträglich.

In einer Nacht bekam ich dann einen totalen Kurzschluss und wollte mich verbrennen. Ich zündete meine Wohnung an und wartete in den Flammen auf den Tod, meine Nachbarin hörte die Rauchmelder und rettete mich aus der Wohnung. Gott sei Dank entstand nur Sachschaden, ich kam nach der Intensivstation in eine psychiatrische Klinik und bekam den Beschluss einer dauerhaften Unterbringung. Was an dieser Stelle zu erwähnen ist, ist, das ich in den Wochen vor dem Suizidversuch Stimmen gehört habe, die ich vorher nie gehört habe.

Diese waren nicht meine Engel, die ich so gut kannte, es waren abgrundtief böse, die mich auf das Schrecklichste pausenlos bedrohten. Ich blieb in der Klinik sechs Jahre, bis vor einem Monat. Ich lernte die Bedeutung der Medikamente und ich arbeitete sehr verbissen an meinem Drogenproblem, dass mich früher oft in die Hölle trieb.

Und ich machte noch etwas. Ich stellte den verbalen Krieg gegen Peter und Mary völlig ein und lernte sie zu lieben. Als einen Teil, der zu meinem Leben gehört. In meinen Gebetbüchern habe ich ihnen viele Einträge gewidmet und je tiefer ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie eigentlich eine Schutzfunktion für mich bedeuten.

Seitdem ich Mary liebe und lobe, sie ehre und pfleglich behandele, ist sie sehr liebevoll geworden. Sie sagt manchmal, ich bin ein süßer Junge oder ich soll ein süßer Jesus sein. Wovon ich mich aber distanziere. Auch lobt sie mich und ummantelt mich mit Liebe. Dieses seit nun einigen Jahren.

Ich bin ein sehr ruhiger und gelassener Mensch geworden, die Liebe hat am Ende gesiegt. Ich habe Gudrun Anders kennengelernt, eine sehr erfahrene und liebevolle Autorin und mein Buch-Coach, die es mir mit ihrem unermüdlichen Fleiß ermöglicht hat, meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Durch sie sind meine ersten beiden Bücher in den Handel gekommen und weitere werden folgen.

Ich habe 20 Bücher geschrieben, in den Epochen meines Lebens und werde mich jetzt um diese wundervollen Manuskripte kümmern, sie zu veröffentlichen. Ein Buch möchte ich noch schreiben, es wird meine Biografie sein. Ich schreibe seit den letzten Jahren nur noch Dankgebete und es gibt selber in schweren Stunden immer etwas zu danken. Auch das hat mich sehend gemacht, wie kostbar das Leben ist und ich habe nicht nur die Nächstenliebe kennengelernt, die ich seit 35 Jahren auslebe, ich habe in den letzten 6 Jahren die Selbstliebe kennengelernt.

Ein wundervolles Verhältnis ist zu meiner Mary entstanden von der ich nicht annehmen kann, dass sie eine Erkrankung sein soll und ich werde sie pflegen, lieben und loben für ihre heutige süße und liebevolle Art und über ihre Hilfestellung, viele Dinge zu verarbeiten.

Und noch eines habe ich gelernt. Drogen sind das Tor zur Hölle, die Einnahme von Drogen sind der Eintritt in die Hölle. Keine Probleme werden mich mehr so weit treiben, Suchtstoffe oder Rauschmittel anzufassen, mit Ausnahme meines kleinen Schlingels, der Zigarette.

Ich möchte an dieser Stelle alle Stimmenhörer ermutigen, an ein schönes Leben zu denken und nicht aufzugeben. Liebt Eure Stimmen, sofern es möglich ist und seht sie als einen Teil von Euch selbst an.

Und liebt Euch, in Euch allen stecken kostbare Wesen, die ein Recht haben sich zu lieben. Und aus der eigenen Erfahrung kann ich versichern, dass die Gesellschaft nicht aus lauter Stigmata besteht. Gottes Liebe über Euch alle, wie seinen Segen und seine Gnade.

In Liebe                

Euer Michael Neumann, "der Wespenmann"

P.S.:

Es gibt übrigens weitere Autoren, die Stimmen hörten. Mein Buchcoach Gudrun Anders hat darüber einen Artikel verfasst:


(c) Michael Neumann



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